Ökonomische Stimmführung in Sprechberufen

Ziel des Seminars

Ziel des Seminars ist es, die Bedeutung der Stimme als erzieherisches, pädagogisches Element  und als Folge daraus die Wichtigkeit einer ökonomischen Stimmführung zu erkennen.

Warum ist Stimme im pädagogischen Umfeld  wichtig?

Wenn Kinder zur Welt kommen, ist die Stimme ihr erstes Kommunikationsmittel. Sie reagieren bereits im Mutterleib auf die Stimme ihrer Mutter und auf Stimmen ihrer Umgebung. Stimme ist ein vertrautes Element. Über die Stimme und deren zahlreiche Facetten drücken Babys ihre Bedürfnisse aus. Später lernen sie, die Bedeutung von Worten über Sprachrhythmus und andere stimmliche Elemente zu verstehen.

Auch als Erwachsene hat die Stimme eine enorme Bedeutung in der Kommunikation. Bei jeder Kommunikation werden nur etwa 7-10% der Botschaft über den Inhalt vermittelt. Bei der Vermittlung und Entschlüsselung von Inhalten spielen nonverbale Botschaften und die Stimme zu 90% eine Rolle.

Bedenkt man dieses, dann wird klar, welchen Einfluss man bewusst und unbewusst über die eigene Stimme auf den Zuhörer ausübt. Ein schneller Sprecher beispielsweise erhöht den Atemrhythmus des Zuhörers, eine angespannte, gedrückte Stimme erhöht die Körperspannung beim Zuhörer, eine ruhige Stimme beruhigt.

Die Stimme ist somit Teil der Erziehung. Durch sie versteht ein Kind die Bedeutung des Gesagten und es erkennt, in welcher Beziehung der Sprecher zu ihm steht. Es erfährt über die Stimme, ob es angenommen ist in seiner Person oder ob es abgelehnt wird. Die Stimme schafft eine Vertrauensbasis und eine Beziehung zu dem Kind.

Stimme ist somit ein pädagogisches Mittel. Dies begründet, warum ein ökonomischer und achtsamer Umgang mit der eigenen Stimme im Lehrer- und Erzieherberuf besonders wichtig ist.  Hinzu kommt, dass Kinder stimmliche Verhaltensweisen nachahmen. Je ökonomischer ihr Vorbild ist, umso positiver ist ihre Entwicklung der Stimme. Der Pädagoge hat sich dieser Vorbildfunktion bewusst zu werden.

Belastung der Stimme

Die Stimme ist in einem pädagogischen Umfeld wie Kindergärten oder Schulen besonderen Belastungen ausgesetzt. Hierzu gehören erhöhter Lärmpegel, dauerhafte Sprechbelastung, Anpassung der Singstimme an die Kinderstimme, Benutzen von Kindermobiliar für einen erwachsenen Körper etc. Trifft nun ein Kehlkopf mit schwacher oder mittlerer Anlage auf eine derart starke Belastung, kommt es zu Diskrepanzen. Die Stimme wird den erhöhten Anforderungen angepasst. Es entsteht bei der Stimmgebung ein vermehrter Druck, eine Anspannung, eine Kompensation durch Muskeln, die für die eigentliche Stimmerzeugung nicht notwendig sind, eine Erhöhung der Lautstärke, eine Veränderung der Tonhöhe und vieles mehr. Dies kann auf Dauer zu einer Stimmerkrankung führen. Um der Entstehung solcher Stimmstörungen entgegenzuwirken, ist ein zentrales Ziel des Seminars, den ökonomischen Umgang mit der eigenen Stimme zu erlernen.

Ökonomischer Umgang mit der eigenen Stimme

Beim ökonomischen Umgang mit der eigenen Stimme ist es wichtig, sich bewusst zu werden, dass der Körper unser Klanginstrument ist und der Kehlkopf lediglich der Ort, an dem der Ton erzeugt wird. Kein Musiker benutzt sein Instrument, ohne es vorher zu stimmen. So soll das Seminar die Teilnehmer  dahin führen, ihr Klanginstrument - ihren Körper - regelmäßig zu pflegen. Da unser Körper ein flexibles, sensibles und veränderbares Klanginstrument ist, sollten im Alltag immer wieder Momente geschaffen werden, sich selbst und seinen Körper achtsam wahrzunehmen. Man kann nur etwas verändern und regulieren, wenn man es wahrnimmt. Durch diese Eigenwahrnehmung wird es möglich, den Körper immer wieder neu aufzurichten, Haltungsfehler zu erkennen und zu beseitigen, Verspannungen zu lösen und eine Wohlspannung zu erreichen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie mit Stress umgegangen wird, wie der Körper darauf reagiert und was veränderbar ist.

Der Atem als Antriebskraft für die Tonerzeugung ist ein wichtiges Thema des Seminars. Ziel ist die Erarbeitung einer Zwerchfellstütze. Durch das Einsetzen dieser Stütze kommt es zu einer reflektorischen Atemergänzung. Bei Einsatz der reflektorischen Atemergänzung sieht und hört man den Sprecher nicht atmen, der Atem kommt "von alleine". Das Zwerchfell ist unser wichtigster Atemmuskel und ohne die Arbeit des Zwerchfells würde unsere Lunge nicht beatmet werden. Damit das Zwerchfell aktiv ist, braucht es eine Bauchatmung. Inhalte des Seminars sind Atemwahrnehmung, Vertiefung der Atmung, Öffnen von Atemräumen und Aufbau der Stütze zur Atemführung beim Sprechen.

Auch das Führen der Stimme selbst ist wichtiger Bestandteil. Die Stimme wird nur im frühen Kindesalter über das Gehör kontrolliert. Später verlagert sich die Stimmkontrolle auf den taktil-kinästhetischen Kanal. Deshalb ist es wichtig, Stimme über Spüren, Bewegung oder Vorstellung/Intention zu lenken. Alle Stimmübungen sind deshalb so ausgerichtet, dass sie auf diesen Ebenen stattfinden. Es geht hier um die Bewusstheit, dass Stimme Resonanzraum braucht,  eine angemessene Kieferöffnungsweite voraussetzt sowie einen vorderen Stimmsitz, der gewährleistet, dass die Kehle während des Sprechens und Singens geöffnet bleibt.

Der Schlüssel zu den ökonomischen Verhaltensweisen wie Stimmstütze, Kieferöffnungsweite, vorderer Stimmsitz oder deutliche Artikulation liegt im Einsetzen von Hilfen auf den Ebenen Spüren, Bewegen oder Vorstellen. Durch Einsetzen dieser Hilfen kann der Erzieher jederzeit das Verhalten reproduzieren, ohne in ein Zuviel oder ein falsches Muster hineinzukommen. Dies wird in Kleingruppen im Seminar geprobt.